Ein Jahr vergeht.

Neues Jahr – gleiches Ziel

Auch im neuen Jahr 2012 schallt der Ruf nach Freiheit und Demokratie, nach Bildung und Arbeit, nach Menschenrechten und sozialer Grundversorgung weiterhin durch die arabische Welt.
Ein weiteres Mal bot sich auch mir in diesem Jahr die Gelegenheit, mich vor Ort und mit eigener Wahrnehmung – fern von westlichen „Manipulationsmedien“ – über die Veränderungen in Ägypten zu informieren.

Es scheint, als wären die Anhänger der Revolutionsbewegung auf dem Tahrir-Platz – seit nun mehr fast einem Jahr – vom Regen in die Traufe gekommen.

Im vergangenen Januar hatte man dort die Armee noch hoch geschätzt und eine vorübergehende Machtübernahme durch das Militär gewünscht [und letztlich auch bekommen] – doch nun, knapp 1 Jahr später, fühlt man sich betrogen und fordert den Rückzug des – erneut autoritär herrschenden – Übergangsregimes.

Dass jemand wie Mohammed Hussein Tantawi seinem ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak nicht in den Rücken fallen würde, war sicher nicht nur mir bereits zu Beginn der Revolution klar – dennoch galt zu dieser Zeit die Armee als einzige Rettung und vermutlich nahm man sie auch deshalb in Kauf.
Der Prozess gegen Hosni Mubarak und seine Gefolgsleute ist zwar aktuell im Gange, allerdings zumindest den Ex-Präsidenten betreffend noch recht unklar, zumal man auf dem Tahrir die Todesstrafe fordert und – diesem entgegen – einige Militärs jedoch sehr zum Vorteil Mubaraks vernommen wurden.

Was „Korruption“ bedeutet, dürfte wohl mittlerweile jedem einzelnen ägyptischen Staatsbürger klar geworden sein und dass diese noch längst nicht durch den Sturz ihres ehemaligen Präsidenten beseitigt wurde, ebenfalls.

Veränderungen in einem derart festgefahrenen System durchzusetzen, ist nicht unbedingt einfach und meine eigenen Erfahrungen zeigten mir, dass man derzeit scheinbar auch in Kairo realisiert, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis die Revolution letztendlich Früchte trägt.
Auf dem Tahrir wird noch immer mit Slogans geworben, welche die restliche Bevölkerung zum Mitmachen motivieren sollen und es scheint, als würde das ganze Land gespannt auf die Ereignisse am kommenden 25ten Januar, dem Jahrestag des „Tag des Zorns“, warten.
Während die Militärregierung diesen Tag sogar zum Nationalfeiertag ernannte, planen die Aktivisten des Tahrirs bereits eine Fortsetzung der Revolution, welche – so fürchten viele – vermutlich wieder ein blutiges Ende nehmen könnte.
„The Egyptian Revolution Will Continue Until Victory“ heisst es auf Slogans des Tahrirs, eben so wie: „25th January 2012: The Revolution Continues! A Warning To Military, Religious And Civil Leaders!“, oder auch: „Support us! #Tahrir“.
Diverse Facebook-Gruppen rufen erneut zur Teilnahme auf, sogar Emails werden wahllos versendet [auch mein Spam-Ordner war betroffen].
Dem entgegen kristallisierte sich allerdings eine Art „Gegenbewegung“ auf dem Abbasseya-Square heraus. Pro SCAF (Supreme Council Of The Armed Forces) orientiert und mit eigenen Slogans wie: „Field Marshall, we are fed up with Tahrir“ verdeutlichen sie dort ihren Standpunkt – nämlich den Protest gegen eine Destabilisierung der Sicherheit in Ägypten und die Manipulation der Bevölkerung durch die Medien.
Wohl möglich wäre genau dies der Grund dafür, was letztlich – durch gegenseitiges „Schüren des Feuers“ – die Armee dazu zu zwingen, gewaltsam gegen die Protester vorzugehen und Ägypten schlimmstenfalls in einen Bürgerkrieg stürzen könnte.

Während Ägypten mit sich selbst beschäftigt ist und Tahrir-Aktivisten die Todesstrafe für Ex-Präsident Hosni Mubarak fordern, lässt nun auch die UN an diesen Forderungen Kritik walten.
„Vergeltung ist die einzige Lösung“ heisst es von Seiten der Anklage gegen Mubarak und sein Gefolge – doch UN-Sekretär Ban Ki-moon [dem vermutlich, ebenso wie vielen anderen, noch die brutale Ermordung von Muammar Al-Qadhafi im Kopfe herum schwirrt], sowie auch Deutschland und Frankreich lehnen die Todesstrafe für den mittlerweile 83-jährigen deutlich ab.
Die russische Regierung äußerte ebenfalls ihre Besorgnis über die mögliche Vorgehensweise durch den Strick und riet zu einer Berücksichtigung der humanitären Aspekte.

Zwischen all diesen Ereignissen gerät jedoch etwas anderes scheinbar in den Hintergrund: die frisch „gewonnene“ Mehrheit der Muslim Bruderschaft bei den Parlamentswahlen.
Freunde berichteten mir, dass „bärtige“ Aktivisten durch verschiedene Teile des Landes, auch Touristenstädte, zogen und junge Ägypter „zur Besinnung“ riefen. „Geh zur Moschee und bete“, sprachen sie einzelne Personen an und warben so für ihre eigene Partei.
Es scheint, als würde die Muslim Bruderschaft derzeit eine Art Taktik verfolgen. Sie haben aus der vergangenen Zeit gelernt und sind lange eine „verbotene Partei“ gewesen.
Umso wichtiger erscheint es nun, dass sie ihre neue Einflussnahme aufrecht erhalten und sich deshalb nicht gegen die Armee – und somit auf Seiten der Tahrir-Aktivisten – stellen.

Was die Touristenzentren am Roten Meer betrifft, so ist mir auch hier noch nicht ganz klar, wie und wann man dort zur Normalität zurückkehren wird.
Durch die anhaltenden Unruhen bleiben derzeit rund ein Drittel der Touristen aus und auch wenn es augenscheinlich zwar so aus sieht, als ob sich nichts verändert hätte, so fand ein großer Zufluss an [überwiegend jungen] Ägyptern aus verschiedenen Teilen des Landes statt, was die Lebensumstände aller Nationalitäten nun recht kompliziert gestaltet.
Taxifahrer lauern einem geradezu auf, man wird ständig auf der Straße angesprochen, oder es wird einem etwas hinterher gerufen. Zunächst dachte ich, dies betreffe vorwiegend Touristen – wurde jedoch aus Kairo etwas anderem belehrt, denn dort sind es auch Ägypterinnen, die sich diesen Provokationen aussetzen müssen – ganz gleich, ob mit oder ohne Schleier.
Viele – vorwiegend ungebildete – Ägypter haben den eigentlichen Sinn von „Freiheit“ scheinbar noch nicht ganz verstanden und setzen diese nun mit Anarchie gleich. Jeder darf tun und lassen, sagen und sich benehmen wie er möchte und sollte die Polizei, oder das Militär sich dem entgegensetzen, beruft man sich eben auf die Forderungen der Tahrir-Protester.

Es sieht so aus, als wäre die eigentliche Revolution, bzw. die eigentlichen Forderungen und der Ursprung des Ganzen entfremdet worden und es ist nicht mehr deutlich zu erkennen, wer mit welcher Intention bestimmte Aussagen trifft, oder Handlungen durchführt – zumindest im Alltag- .
Für alles gibt es eine Rechtfertigung und dennoch mangelt es definitiv an Stabilität und Sicherheit.
Die Wirtschaftslage wird immer schlechter und ausländische Investoren bleiben fern – was Unzufriedenheit und auch ein wenig Verzweiflung bei den Ägyptern hervorruft.
Der Wandel zur Demokratie erscheint ihnen zu langsam und der Militärrat entpuppte sich als Ebenbild des Mubarak-Regimes, wenn nicht sogar noch härter.

Es bleibt weiterhin zu hoffen, dass Ägypten dieses Problem schnell in den Griff bekommt und auch den 25ten Januar möglichst ohne Blutvergießen und weitere Ausschreitungen übersteht.
Fragt man die ägyptische Bevölkerung nach ihrem „Favoriten“ unter den Präsidentschaftskandidaten, so kam jedenfalls mein engeres Umfeld eindeutig zu dem Ergebnis: Amr Moussa.
Er würde es allerdings nicht leicht haben, da seine recht „anti-israelische Einstellung“ bestimmten westlichen Staaten ein Dorn im Auge ist und man vermutlich alles daran setzen wird, um eine Amtsübernahme seinerseits abzuwenden.

Update 23.01.2012:
Der heutige Tag bezeichnet die erste „Zusammenkunft“ des neu gewählten Parlaments – welcher jedoch schon als Einstieg gewisse „Differenzen“ mit sich brachte.
Die Mehrheit im Parlament gewann die „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ FJP der Muslimbrüder und sicherte sich damit 235 Sitze, dicht gefolgt von der salafistischen „El Nour“ Partei mit 121 Sitzen und einem geringen Teil an liberalen und säkularen Parteien, welche sich den Rest teilten.
Frauen sind dabei scheinbar die größten Verlierer, denn von ihnen schafften es nur knappe 2% bis ins Parlament.
Saad Al Katatni, Mitglied der Muslimbruderschaft, erhielt von 496 abgegebenen Stimmen ganze 399 und wurde somit zum Vorsitzenden gewählt.
Insgesamt umfasst das Abgeordnetenhaus 508 Mandate, wovon auch 10 direkt vom derzeit regierenden Militärrat bestimmt werden.

Bereits während der Ablegung des Eids zur „Sicherung der Nation und den Interessen des Volkes“ kam es zu Tumulten in der Sitzung, als ein Anhänger der Nour-Partei dabei hinzufügte: „solange es nicht dem Gesetz Gottes widerspricht.“ – was er später allerdings als „seine persönliche Meinung“ abhandelte.
Angestiftet durch diese Art von „Provokation“ versuchten auch andere Abgeordnete ihre Meinung schon während des Eides zu verdeutlichen und wollten sich zu „den Ziele der Revolution“ bekennen, was allerdings ebenfalls eine Zurechtweisung durch den Parlamentsvorsitzenden zur Folge hatte.

Für Ende Januar sind die Wahlen der Schura angesetzt, woraus [unter Mitwirkung des Parlaments] dann eine neue Verfassung resultieren soll, die dem Volk zum Referendum vorlegt werden muss.
Die Wahl des neuen Präsidenten plant man bis Ende Juni – wobei jedoch Gegner der Militärregierung – nach wie vor – den „Tag des Zorns“ am 25. Januar wiederbeleben und somit auch ein Mitspracherecht des Armee-Regimes bei der neuen Verfassung mit Nachdruck verhindern wollen.

Advertisements

statement please!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s